Dr. Henning Voscherau: Was ist Jugendweihe?

Jugendweihe ist die moderne, weltliche, nunmehr über 150-jährige Alternative zu Konfirmation und Kommunion bzw. Firmung mit Orientierung an modernsten Erkenntnissen der Wissenschaften und nicht an überbrachten Kirchendogmen oder durch Religionen vorgegebenen nicht veränderbaren Glaubenssätzen.

In seinem Grußwort zur 100-Jahrfeier schrieb Hamburgs damaliger Erster Bürgermeister Dr. Henning Voscherau u. a.:
„Die Jugendweihe, entstanden auf Initiative von Freidenkern und Freireligiösen als Gegenstück zur kirchlichen Konfirmation oder Kommunion, und die Kulturbestrebungen der Hamburger Arbeiterschaft haben gemeinsame Wurzeln: beide wehrten sich gegen die staatliche Obrigkeit des 19. Jahrhunderts. Der Kampf um die Jugendweihe und die Vorbereitungskurse entsprangen dem Aufbegehren gegen die rechtliche und soziale Benachteiligung weiter Bevölkerungskreise. So ist das Ringen um die Durchsetzung der Jugendweihe auch ein Stück Geschichte der Demokratiebewegung.
Die Verbindung zur Arbeiterbewegung war auch während der Weimarer Republik – der Blütezeit der Jugendweihe – ein festes Band für Freidenker und Jugendweihe und es waren zur Hauptsache Sozialdemokraten, die in dieser Zeit die Jugendweihe zu einer angesehenen nicht mehr zu übersehenden „Institution“ machten. Fast ¼ der Schulabgängerinnen und Schulabgänger nahm in Hamburg an den Kursen teil. Die Nazidiktatur machte die Aufbauarbeit von Jahrzehnten zunichte …
Nicht nur viele ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sondern auch Jugendliche engagieren sich bei der Jugendweihe und ihrer Vorbereitung. Ihnen allen gebührt Dank. Es paßt in die hamburgische Tradition einer offenen und freien Stadt, daß Jugendliche zu freiem Denken und Handeln geführt werden, denn freies Denken und verantwortungsbewußtes Handeln sind die Grundlage eines selbstbestimmten Lebens.“

Dr. Henning Voscherau
ehem. Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg

Ortwin Runde – Vorwort für den „Freien Blick“

Auch Hennig Voscheraus Nachfolger, der damalige Erste Bürgermeister, Ortwin Runde, fand lobende und anspornende Worte für die Arbeit der Jugendweihe:

„Jugendweihe wird in Hamburg seit über 100 Jahren gefeiert. Auch wenn die Feiern jedes Mal eindrucksvoll und festlich verlaufen – wichtiger noch als die Feier ist die Vorbereitungszeit. Denn hier kann man lernen, in Freiheit und Unabhängigkeit zu denken, das Leben als Erwachsener selbstbewusst und sinnvoll zu gestalten.
Die Jugendweihe markiert einen Lebensabschnitt. Jetzt beginnt die Zeit des Erwachsenseins, die Zeit, um Verantwortung zu übernehmen. Das ist ein Angebot, das man sich nicht zweimal sagen lassen sollte. Unsere Gesellschaft bietet viele Möglichkeiten zum Mitgestalten. Sie braucht engagierte und verantwortungsstarke Mitmacherinnen und Mitmacher!

Es liegt nahe, dass ich jungen Leuten besonders ans Herz lege, sich politisch zu engagieren. Denn in unserem demokratischen System brauchen wir möglichst viele Menschen, die sich einbringen, die an der Weiterentwicklung unseres Gemeinwesens aktiv mitarbeiten. Leider hat politische Arbeit – noch dazu parteipolitische Arbeit – derzeit kein besonders gutes Image. Das ist sehr bedauerlich, weil es viele gute Leute davon abhält, sich zu engagieren. Dabei brauchen wir gerade in der Politik die besten Köpfe. Mein Rat an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Jugendweihefeier [..] lautet daher: Engagieren Sie sich für Ihren Staat, seinen Sie politisch aktiv und gestalten Sie die Zukunft mit. Denn es ist Ihre Zukunft!

Ortwin Runde
(Damaliger Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg)

Max Zelck – ehemaliger Ehrenvorsitzender der Hamburger Jugendweihe

(*1878 – †1965)
Der Sozialdemokrat Max Zelck war bereits in der Weimarer Republik führender Kopf der Jugendweihe-Bewegung in Hamburg. Ab 1925 gab er das Jugendweihe-Gedenkbuch „Der Jugend geweiht“ heraus, das neben Jugendlichen in Hamburg auch in Sachsen überreicht wurde. Er musste, weil er von Kirchenvertretern bei den Nazis denunziert wurde, aus Hamburg fliehen und hatte Glück, dass er überlebte. – Nach dem Krieg wurde er rehabilitiert und wegen seiner Verdienst um die Arbeit mit Jugendlichen zunächst zum Oberschulrat, dann als Leitender Regierungsdirektor zum Leiter des Hamburger Jugendamtes befördert. Seiner Verdienst wegen wurde eine Straße in Hamburg-Niendorf nach ihm benannt. Der Nestor der Hamburger Jugendweihe war Herausgeber die Jugendweihe-Bücher, die in den fünziger Jahren erneut aufgelegt wurden. Das folgende Zitat aus einer Feierrede aus den 50er Jahren zeigt auf, wie damals die Jugendweihe definiert wurde:
„Meine lieben jungen Freunde!
Immer schon haben die Menschen Höhepunkte ihres Lebens gefeiert. Auch die Jugendweihe ist eine Feierstunde auf einem Höhepunkt Eures eigenen Lebens. Ihr nehmt Abschied von Schul- und Kinderzeit und werdet eingeführt in den Lebenskreis der Erwachsenen. Die Jugendweihe ist eine f r o h e Feier, und doch ist sie von tiefer Bedeutung für Euer Leben.
Meine lieben jungen Freunde, Ihr alle habt schon in Euren Kinderjahren gefühlt, daß wir in einer Zeit der Wirrnis, der Not und der Sorge leben. Das Alte, Überlebte stürzt, und Neues, Lebensvolleres, Besseres will sich gestalten. In diesem Zwiespalt zwischen Vergangenheit und Zukunft haben sich Eure Eltern und Verwandte auf die Seite der Kämpfer für das Neue gestellt, und an Euch geht nun der Ruf, in deren Reihen zu treten und Mitkämpfer zu werden. Schon die Feier der Jugendweihe zeigt den Geist der neuen Zeit, die mit Euch zieht. Nicht wie in den Kirchen werdet Ihr vertröstet mit der biblischen Mär von dem Gott, der auf die Erde stieg, um die Menschen zu erlösen, nein, heute will sich die Menschheit selbst erlösen. Ihr werdet aufgerufen zur Selbstbefreiung, für die Ihr Eure eigenen Kräfte entwickeln und steigern sollt. …“

Fritz Wartenberg – langjähriger Vorsitzender der Jugendweihe in Hamburg

(*3.12.1902 -† 19.6.2002)

In seinem Buch „Erinnerungen eines Mottenburgers – Kindheits- und Jugendjahre eines Arbeiterjungen“ aus dem Jahre 1982 schildert er aus seiner Sicht anschaulich die letzten Jahres des Kaiserreichs sowie die ersten Jahre der Weimarer Republik. Er gab 1965 die Festschrift „75 Jahre Jugendweihe in Hamburg“ heraus. Über die Jugendweihe schrieb er:
„Es ist eine würdige Feierstunde zum Beginn eines neuen Lebensabschnittes, verbunden mit Vorbereitungsstunden für die vielen, die nicht glauben können und zu stolz sind zu heucheln. … Es ist keine Festlegung auf ein Glaubensbekenntnis oder auf eine politische Ideologie. Es ist dagegen die Hinführung der jungen Menschen zum Verantwortungsbewusstsein, zum Verständnis der Rolle des einzelnen in seiner Umwelt, zur bewußt menschlichen Handlung.“

ich meine...

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen